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Prof. Dr. Michael Meyen
Zeitungsleseland DDR?

War die DDR ein Zeitungsland? Gar ein Zeitungs-Leseland, ein Parteizeitungs-Leseland? Ende der 1980er Jahre lag die Zeitungsdichte bei knapp 600 Exemplaren je 1.000 Einwohner. Ähnlich hohe Werte erreichen heute nur die Zeitungs-Weltmeister Norwegen und Japan. Im letzten DDR-Jahrzehnt kamen auf jeden ostdeutschen Haushalt anderthalb Zeitungsexemplare, und drei von vier Haushalten hatten eine SED-Bezirkszeitung abonniert. Selbst Briefkästen, in denen drei Zeitungen steckten, waren keine Seltenheit. Wie konnte die Presse, die „schärfste Waffe der Partei“, in die meisten Wohnungen eindringen, in nicht wenige sogar doppelt und dreifach? Waren diese Blätter nicht viel langweiliger als das Fernsehen, weil es hier keine Konkurrenz aus dem Westen gab? War die Presse nicht gleichgeschaltet, dem Dogma verpflichtet, „kollektiver Propagandist, Agitator und Organisator“ zu sein, und schon deshalb nur von „dürftigem Informationsgehalt“, wie Gunter Holzweißig in seiner „Mediengeschichte der DDR“ schreibt ﷓ eine These, die der Nachgeborene schon beim flüchtigen Blättern in langsam vergilbenden Exemplaren bestätigt finden wird? Warum haben die Menschen die SED-Zeitungen gekauft und was haben sie mit den Blättern gemacht?
Der Vortrag stützt sich auf eine Untersuchung, bei der rund 100 DDR-Bürger in biographischen Interviews zu ihrer Mediennutzung in der DDR befragt worden sind: Parteifunktionäre und Kaderleiter, Schuldirektoren und Offiziere, Pfarrer, Ausreiseantragsteller und Hausfrauen, Handwerker, Ärzte und Künstler, Sachsen, Thüringer und „Fischköppe“, Vertriebene aus Schlesien und junge Leute, die 1989 Thälmann-Pioniere waren. Diese Studie zeigt, dass der niedrige Preis allein die hohe Reichweite nicht erklären kann. Zeitungen gehörten in der DDR zum Alltag: Sie lieferten Papier, Lokalnachrichten und (politische) Orientierung, und sie wurden als Symbol für die Gesinnung gewertet, als ein Zeichen, an dem sich sowohl Anhänger als auch Gegner des Systems erkennen konnten